Thomas Huber: Der erotische Blick



Einfach ist scheinbar die Erwartung an das Kunstwerk. Es soll Ausdruck sein. Es holt seinen Anlaß in sich hinein und soll ihn durch sich veräußern, denn ein Kunstwerk soll sagen, es soll scheinen. Es soll sich in der Gegenwart desjenigen vollenden, wofür es begonnen wurde. Das Werk ist keine Beschreibung des Angelegenen, sondern dessen Einlösung. Das Werk schafft Gegenwart.

Demgegenüber steht das alltägliche Gerede, das betriebsame Verlautbaren, das sprachliche Verhandeln von purem Interesse, das im begründeten Verdacht steht, nichts mehr zu sagen, sondern sich ganz an die Weise des Hersagens, an die Manier - wie das Gesagte am rauschendsten klingt - vergeben zu haben. Von diesem Gerede, von der Geschäftigkeit der Verlautbarungen, erwartet keiner mehr das Sagen, das ihn in Wahrheit anrühren könnte. Nur sagt dieses Sagen auch so wenig das Unwahre. Das Gerede zeugt nicht für Wahrheit, noch will es durch Lüge täuschen. Es dient allein der Verführung durch das Nichtige. Es ist allgegenwärtig im Nichtssagen.

Hier aber ist vom Ausdruck des Kunstwerkes die Rede. Von ihm wird besterdings angenommen, daß es ein Ort sei, in dem die Wirklichkeit des Gesagten verwahrt wird. Diese Wirklichkeit ist dem Werk allein in seinen Mitteln versprochen. Das Werk sagt sich im Wort. Das Werk zeigt sich in der Farbe. Der Ort, den das Werk auftut, bietet sich dem Vertrauen in die versprochenen Mittel an. Im Werk wird darum zum Beispiel die Farbe vertrauensvoll zugelassen. Die Farbe Rot ist nur im Werk rot. Nirgendwo sonst rötet Rot wie im Werk.

Dergestalt unmittelbar soll der Ausdruck sein, damit er mitteilbar wird. Das Authentische ist die Voraussetzung zu einer geglückten Mitteilung. Der Sinn des Kunstwerkes ist die Weitergabe. Das ist die Tradition. Wir verstehen heute Tradition als die Vermittlung von Sitten und Gebräuchen und vermissen an ihr das Authentische. Vielmehr mißtrauen wir ihr als der Hüterin des Status quo.

Der Blick auf die sogenannten Primitivkulturen und deren Traditionsauffassung soll hier diesen Begriff einer grundlegenderen Verständnisweise öffnen. Dort ist der Schamane der Hüter, der Verwahrer der Zeichen, der Sprache seiner Gesellschaft. An ihm ist es, die ihm anvertraute Sprache im Kult zu realisieren. Die zyklische Wiedergewinnung der Sprache in der kultischen Handlung dient der stets gefährdeten Fruchtbarkeit dieser Gesellschaft. Die Fähigkeit zur Fortpflanzung, die Gewißheit, aus dem Vergehenden herauszuwachsen, die Notwendigkeit in Analogie zur umgebenden Natur zu leben, zu sterben und wiederzuerstehen, ist der Inbegriff dieses Traditionsverständnisses. Tradition als Gewähr des Fortbestandes setzt die Potenz voraus. Diese ist nicht dem einzelnen gegeben, sondern wird in der beispielgebenden Kraft des Schamanen verwahrt. Er ist der Eros. Er weckt die Potenz, die es den Geschlechtern ermöglicht zu zeugen und die gezeugten Kinder großzuziehen.

© Thomas Huber: Studio I


Die Krise der Schamanen ist die Abwesenheit des Eros. Seine schöpferische Krise ist ein Fanal für die Gesellschaft. Er allein kann den Zeichen den Sinn stiften, das jeweils andere Geschlecht daran zu erkennen und zu begehren. Seine Sprache ist sinnvoll, sein Verstummen ist sinnlos. Dieses Bild beschreibt eine kaum noch praktizierte Realität. In der Beschreibung aber und in der Wahl der Worte für diese Beschreibung erreicht uns die Ahnung der eigenen Bestimmung. Das Bild des erostragenden Schamanen deutet auf die überlassene Grundbestimmung des Künstlerischen in der abendländischen Kultur: Das Künstlerische ist das Erotische.

Nach dieser Andeutung fragt sich die Frage nach dem Gehalt unseres Sprechens anders. Denn in Frage steht die Zeichenmächtigkeit unseres Zeugnisses. Gelungenes Sprechen verschenkt sich an das sinnlich Wahrnehmbare. Das ist der Anspruch an das Kunstwerk. Seine Sprachmächtigkeit wird im Eros verbürgt. Mitteilung ist erotisch. Tradition ist eine Frage der Potenz. Heute hat sich das Erotische auf das Geschlechtliche reduziert. Es gibt kaum noch den Unterschied zwischen Eros und Sexualität. Es gibt keine erotische Sicht mehr auf das Weitganze. Die Welt wird heute unerotisch angesehen.

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