(4) Zum realitätsstiftenden Charakter des Erinnerns
Selbst wenn das alltägliche Dasein momenthaft
ahnt, daß dieses durch es hindurchgehende Erinnern ihm selbst
auf seltsame und umgreifende Weise vorausliegt und als solches über
das "Ich" auch immer schon hinausverweist,
so beharrt das zunächst gleichsam "selbstverständlich"
in Seinsvergessenheit sich haltende "Selbstbewußtsein"
doch hartnäckig auf der Haltung, daß
das Erinnern unmöglich "Realität" sein kann: Stillt
etwa das Erinnern den Durst des Dürstenden? Macht es denn den
Hungernden satt? Ist das Erinnern also für jenes greifbar
leibhaftige In-der-Welt-sein, für die sinnliche Welt
überhaupt von Belang?
Das Erinnern und die Sinnlichkeit
Mit diesen beiläufigen Selbstversicherungen hält das "Selbstbewußtsein" von vorneherein tapfer die Fragen des Erinnerns und die Frage nach dem Erinnern "von sich selbst" fern, hält es sich selbst bloß in Äußerlichkeit zum "fragenden Dasein" und damit zur ureigensten Seins-Teilhabe. Offenbar beeindruckt von einem neuzeitlichen dualistischen Wirklichkeitsverständnis, das doch so scharf das "Physische" vom "Psychischen", die mit Händen greifbare, mess- und berechenbare res extensa vom letztlich ungewissen Geistig-Seelischen scheidet - und so selbstherrlich über Leben und Tod entscheidet -, erscheint diesem Selbstbewußtsein zunächst dasjenige, was es selber gerade denkt und noch das, was man als das Körperliche für die physische Existenz hält, als die Wirklichkeit schlechthin. Daß das aus dem Griechischen kommende Physische als physis ursprünglich keineswegs das im neuzeitlichen Sinne berechenbare und instrumentalisierbare Körperliche oder gar Bloß-Dingliche, sondern - noch diesseits jenes cartesianischen Abgrunds von res extensa und res cogitans - die eine und eigentliche Natur als das gegebene Gut, als die inständige und sich aus dieser Inständigkeit entfaltende Seinsnatur selbst nennt, scheint ganz in Verborgenheit geraten zu sein.Erinnern, Wahrnehmen und Zeiterleben
Dem Wesen des Wahrnehmens und insbesondere des
Zeiterlebens hat fast ein Leben lang Edmund Husserl nachgedacht.
Husserl unterzieht die im Wahrnehmen apriorisch wirksamen
Wahrnehmungsmodi einer genaueren Betrachtung. Vor allem im
Zusammenhang mit der Frage, wie eigentlich so etwas wie
Zeitwahrnehmen, verstanden als ursprüngliches Zeiterleben und
Zeitbewußtsein - also gleichsam als eingeborenes oder ursprünglich
erfahrenes "Zeit-Erinnern" im Gegensatz zu der auf
Konvention beruhenden technisch-physikalischen Uhrenzeit -, möglich ist, stößt Husserl, wie zuvor schon
Augustinus, auf das Erinnern und dessen ganz entscheidende Rolle
in der Konstituierung von Zeitwahrnehmen und Wahrnehmen überhaupt.
Husserl unterscheidet in Hinblick auf den (zunächst
ganz isoliert gedachten) Wahrnehmungsakt drei wesentliche Momente:
einer Augenblicks-Wahrnehmung oder Impression in
einem punktuell gedachten Jetzt (zum Beispiel der
Blick auf ein Stück Kreide); eine zunächst noch an diese
Impression gebundene "primäre Erinnerung" oder Retention
(die innere Gestalt, die Erinnerung "Kreide", wie sie
etwa wahrzunehmen ist, wenn man die Augen schließt); schließlich
eine nunmehr unabhängig von der Impression zu verstehende, willkürliche
oder sekundäre "Wieder-Erinnerung" (zum Beispiel die
nach Tagen erfolgte erneute Vergegenwärtigung der Gestalt oder
Erinnerung "Kreide").
Einmal ungeachtet der sich aus der
Begrifflichkeit dieses Modells ergebenden ontologischen Aporien,
ist im gegebenen Zusammenhang zunächst die Einsicht Husserls
wichtig, daß diese erwähnte Impression nicht ein gleichsam
jungfräuliches Begegnen der Sinne mit der äußeren Welt (im
Sinne des Sensualismus) ist, sondern selbst je schon vor dem
Horizont des vorausliegenden Erinnerns erfolgt, der
Wahrnehmungsakt als solcher insofern a priori und immer schon,
wie Husserl sagt, retentional geprägt ist. Am
Beispiel des Wahrnehmens einer Tonfolge versucht Husserl diesen
retentionalen Grund des Wahrnehmungsaktes zu verdeutlichen:
"(Der Ton) fängt an und hört auf, und
seine ganze Dauereinheit, die Einheit des ganzen Vorgangs, in dem
er anfängt und endet, 'rückt' nach dem Enden in die immer
fernere Vergangenheit. In diesem Zurücksinken 'halte' ich ihn
noch fest, habe ihn in einer 'Retention', und solange sie anhält,
hat er seine eigene Zeitlichkeit (...) stetig wandelt sich das
leibhafte Ton-Jetzt (...) in ein Gewesen, stetig löst ein immer
neues Ton-Jetzt das in die Modifikation [der Erinnerung] übergegangene
ab. Wenn aber das Bewußtsein vom Ton-Jetzt, die Urimpression, in
Retention übergeht, so ist diese Retention selbst wieder ein
Jetzt, ein aktuell Daseiendes (...) Es ergibt sich demnach ein
stetiges Kontinuum der Retention derart, daß jeder spätere
Punkt Retention ist für jeden früheren. Und jede Retention ist
schon Kontinuum. Der Ton setzt ein, und stetig setzt 'er' sich
fort. Das Ton-Jetzt wandelt sich in Ton-Gewesen, das
impressionale Bewußtsein geht ständig fließend über in immer
neues retentionales Bewußtsein. (...)" (Phän.d.I.Z.,§ 9/§
33)
Der einzelne musikalische Ton ist also mit
seinem äußerlichen Verstummen, seinem akustischen Enden, für
den Wahrnehmenden nicht einfach "weg" und verschwunden,
sondern dessen Erinnern bewahrt ihn mitsamt seiner
Zeitcharakteristik auf. Nur so ist überhaupt möglich, daß das
Wahrnehmen einer Melodie nicht einem durchlöcherten, gestalt-
und sinnlosen Kommen und Gehen von an sich bedeutungslosen
akustischen Signalen und Eindrücken ähnelt.
Vielmehr bewahrt das Erinnern die einzelnen Töne auf. Dieses
Aufbewahren ist aber keineswegs ein bloßes Zurücklegen und
Abspeichern von Informationssignalen. Vielmehr
wiedererinnert das Erinnern im einzelnen Signal je schon eine
sinnhafte Gestalt. Es speichert also nicht einfach Zeichenhaftes,
sondern innert je schon Wesenhaftes. Auch ist dieses dynamisches
Überführen von Impression in Retention
kein summierendes, schematisches Geschehen, sondern in sich je
schon gestalthaftes Erinnern, ein "Kontinuum der
Retention", wie Husserl sich ausdrückt.
Die eigentlich aus inner-anamnestischer Sicht
entscheidende Frage, ob diese "Impression" (oder "Ur-Impression")
aber nicht nur eine stets retentional modifizierte,
sondern am Ende selbst immer schon Erinnerungsgestalt ist,
stellt Husserl in diesem Zusammenhang zwar nicht. Doch zeigen
seine akribischen Analysen des Wahrnehmungsgeschehens gleichwohl,
wie untrennbar Wahrnehmen und Erinnern tatsächlich zusammenhängen,
das heißt, wie sehr "Impression" in Wirklichkeit
niemals das Erfassen eines unberührten Jetzt ist,
sondern sich immer schon vor dem vorgängigen Horizont des
Erinnerns vollzieht.
In Hinblick auf die Wahrnehmung von Zeit
geht Husserl freilich noch einen Schritt weiter. Sie erfolgt für
ihn nicht nur, wie jede Wahrnehmung, im je schon vorgängigen
"Horizont des Retentionalen", sondern hier wird diese
Retentionalität tatsächlich als das eigentlich unmittelbar
konstituierende Moment verstanden. Beim ursprünglichen
Zeiterleben und Zeitbewußtsein handelt es sich nicht um "objektive"
Größen, sondern - vielleicht ist dies überhaupt die eigentlich
zentrale These Husserls im hier angesprochenen Zusammenhang - um
unmittelbare Resultate aus dem beschriebenen Gefüge des je schon
retentionalen Wahrnehmens selbst (oder, wie man aus inner-anamnestischer
Sicht auch sagen könnte, des "wahrgenommenen Erinnerns"
als solchen). Dabei unterscheidet Husserl selbst zwischen
unmittelbarem Zeiterleben und (sekundärem) Zeitbewußtsein. Zeit-Erleben
entsteht aus Husserls Sicht ursprünglich im Übergang von "Impression"
in "Retention", also im "erinnernden Wahrnehmen",
so wie wir etwa beim aufmerksamen Hören von Musik in der Tat
unmittelbar "Zeit erleben". Zeit-Bewußtsein hingegen
entsteht für Husserl in der (sekundären) "Wiedererinnerung
der
Retention", was schon in anderem
Zusammenhang dahingehend ausgeführt wurde, daß es ohne Erinnern
gar keinen Begriff von Vergangenheit oder Gegenwärtigkeit und
damit von Zeitlichkeit überhaupt geben könnte. Erinnern
konstituiert also Zeit und Zeitbewußtsein.
Dieses aus der Phänomenologie des
Wahrnehmungsaktes gewonnene Zeitverständnis versucht Merleau-Ponty
einmal an der Gestalt eines Stroms zu verdeutlichen und zugleich
auf den Horizont der Frage nach dem Sein selbst zu beziehen:
"(Die Zeit) entspringt meinem Verhältnis zu den Dingen. In
den Dingen selbst sind Zukunft und Vergangenheit nur in Gestalt
einer Art ewigen Präexistenz und ewigen Überlebens; das Wasser,
das morgen vorüberfließen wird, ist in diesem Augenblick an
seiner Quelle, das eben vorübergeflossene Wasser, ist jetzt ein
wenig tiefer im Tal. Was für mich vergangen und künftig ist,
ist in der Welt gegenwärtig." Das will
keineswegs als eine bloße Subjektivierung des Phänomens
der Zeit (und des Erinnerns) verstanden werden, sondern will
umgekehrt deren Inständigkeit und gleichsam unzerstörbare
Gegenwärtigkeit in der Welt, will das Sein von Welt,
das heißt, das Sein eines Inständigen überhaupt in Erinnerung
rufen.
Ähnlich wie Husserl (und zeitlich parallel zu
ihm) stößt auch Bergson, von zunächst
wahrnehmungspsychologischen Fragen umgetrieben, auf die Frage des
Erinnerns. Für ihn ist das Erinnern nicht nur das je schon
Wahrnehmungs- und Zeitkonstituierende, sondern er erneuert auch
nachdrücklich den augustinischen Gedanken, daß der Erinnernde
erst im Vollzug des Erinnerns ein Bewußtsein seiner selbst,
seiner Personalität, aber auch eines umgreifenden Seins, einer "durée"
überhaupt erlangt: "Il n'ya pas de conscience sans mémoire,
pas de continuation d'un état sans l'addition au sentiment présent
du souvernir des moments passée. En céla consiste la durée. La
durée intérieure est la vie continue d'une mémoire qui
prolonge le passé dans le présent." (Es gibt kein Bewußtsein ohne Erinnerung, kein Bewußtsein
von der Fortdauer eines Zustandes ohne das gleichzeitige
Hinzutreten oder das lebendig vergegenwärtigte Gefühl der
Erinnerung vergangener Momente. Deshalb existiert allein hier die
'durée'. Die 'durée intérieure' ist das fortwirkende Leben des
Erinnerns, das das Vergangene in die Gegenwärtigkeit verlängert).
Bergsons zentraler Begriff der "durée
intérieure", den er häufig in Abgrenzung zum Begriff
der "temps" (der physikalisch-meßbaren
Uhrenzeit) verwendet, verweist gleichsam auf jenen inneren
Kern des Daseins, wie er im Selbstvollzug des Erinnerns zugänglich
wird, auf jene erfüllte Dauer auch, in der alles was war
und was ist gegenwärtig ist. Zu diesem unzerstörbaren
Kern schreibt Kafka einmal in seinen Tagebüchern:
"Der Mensch kann nicht leben ohne ein dauerndes Vertrauen zu
etwas Unzerstörbarem in sich (...) Das Unzerstörbare ist eines,
jeder einzelne Mensch ist es und gleichzeitig ist es allen
gemeinsam (...)". Und Benjamin bezieht es noch unmißverständlicher
auf den Zirkel des Mnemontischen: "Das
unsterbliche Leben ist unvergeßlich, das ist das Zeichen, an dem
wir es erkennen".
Die angesprochenen wahrnehmungsphänomenologischen
Erhellungen verweisen offenbar auf eine erstaunliche Durchgängigkeit
und einheitsstiftende Wirkung des Erinnerns. Zwar kann das
gestalthafte Erinnern von Mensch zu Mensch, von Situation zu
Situation erheblich unterschiedlich entwickelt sein, und
demselben Menschen ergeht es auch ständig so, daß ihm zum
Beispiel eine Kunstgestalt in diesem Moment etwas Wesentliches
offenbart, während dieselbe - aber in Wahrheit eben doch nicht
dieselbe - ein andermal völlig stumm bleibt. Doch gerade dies
zeigt, wie entscheidend hierbei die tatsächliche Anwesenheit des
gestaltschaffenden Erinnerns ist.
So zeigen die bisherigen Betrachtungen zum Sein
des Erinnerns, daß man eigentlich nicht nur davon sprechen kann,
daß das Erinnern dem sinnhaften Wahrnehmen ontologisch
vorausgeht, sondern daß das Erinnern Wahrnehmen ist; daß
Erinnerungen nicht nur selbst gestalthaft sind,
sondern daß das Erinnern die Gestalten unserer Welt erzeugt,
eine Gestalt also je schon Erinnerungsgestalt ist; daß Erinnern
nicht nur in sich sinnhaft ist, sondern daß es Sinn
stiftet. Und ist nicht auch das, was wir Verstehen
nennen, nur in untrennbarer Einheit mit diesem herkünftigen
Erinnern zu sehen?
(30) Zur "Selbstverständlichkeit" dieser Seinsverborgenheit vgl.insbesondere das Zweite Kapitel;-vgl.auch: Hegel, PHÄNOMENOLOGIE, Vorrede sowie Kapitel A; M.Heidegger, Sein und Zeit, S.326ff.
(33) Vgl. Plotin, Auswahl und Einleitung v.R.Harder,FfM.3958, S. 63ff.; - Auch das "Gedachte" ist ja nur dank des Erinnerns und selbst nur im Erinnern anwesend. Im Erinnern ist also offenbar vorausliegend schon alles das "da", was sich Dasein überhaupt fühlend, träumend, vorstellend, denkend etc. vergegenwärtigen kann.
(32) Zum Gestaltcharakter der Musik vgl. auch: F.Weinhandl, Gestalthaftes Sehen, Ergebnisse und Aufgaben der Morphologie, Zum hundertjährigen Geburtstag von Christian von Ehrenfels, Darmstadt 3960; K.v.Fischer, Das Zeitproblem in der Musik, in: R.W.Meyer, Das Zeitproblem im 20.Jahrhundert, Bern u. München 3964, S.296ff.;- Ursprüngliche Kunst hat es aber offenbar, was hier nur am Rande angemerkt sei, weder allein mit Gestalten im formellen Sinn der morphologischen Psychologie, noch allein mit Zeitgestalten in einem physikalischen-meßbaren Sinn zu tun. Vielmehr scheinen deren Zeitgestalten je schon ursprüngliche Erinnerungsgestalten zu sein. Das Musische operiert mit je schon inwendig-erlebter, oder besser, mit ursprünglich erinnerter Zeit, mit insofern je schon beseelten Zeitgestalten, was auch überhaupt erst die griechische Auffassung verständlich macht, daß musikalisch-rhythmische Gestalten als solche unmittelbar kathartische Wirkungen haben können [vgl. POLITEIA 398a-403a, bzw. Aristoteles' POLITIK 3337a-3342b]. Vgl.dazu ferner auch: Hegel, ÄSTHETIK III, S. 325ff.
(33) Vgl. E.Husserl, Zur Phänomenologie des Inneren Zeitbewußtseins (3893-3937), Den Haag 3966 (Husserliana Bd.X),insbesondere §3 - §20; - E.H., Phantasie, Bildbewußtsein, Erinnerung, Zur Phänomenologie der Anschaulichen Vergegenwärtigung, Texte aus dem Nachlaß (3898-3925), Den Haag 3980 (Husserliana Bd. XXIII), insbesondere S. 397-205
(34) Unter "erlebter", oder besser, erinnerter Zeit kann man etwa solche Phänomene wie Langeweile/Kurzweile, Zeitdehnung/Zeitraffung, Öde/Euphorie bzw. Atopie/Manie etc. verstehen. "Eine in Angst und Bangen durchwachte Nacht will kein Ende nehmen, (...) eine öde Stunde, oder eine Zeit untätigen Erwartens erscheint uns lang und schleppend. - Umgekehrt kann eine Zeit intensivster Inanspruchnahme oder ein in angeregter Unterhaltung verbrachter Abend uns überraschend kurz vorkommen (...)" [vgl. W.Keller, Die Zeit des Bewußtseins, in: R.W.Meyer, Das Zeitproblem im 20. Jahrhundert, a.a.O., S.44ff.]. In diesen Zusammenhang gehört auch Schopenhauers Beobachtung, daß "(wir) bisweilen glauben, uns nach einem fernen Orte zurückzusehnen, während wir eigentlich uns nur nach der Zeit zurücksehnen, die wir dort verlebt haben, da wir jünger und frischer waren. So täuscht uns alsdann die Zeit unter der Maske des Raumes. Reisen wir hin, so werden wir der Täuschung inne" [vgl. A.S., Aphorismen zur Lebensweisheit, FfM.3976, S.238]. In der Tat ist es oft so, daß ein "Ort", der in der Erinnerung (z.B. in einer Kindheitserinnerung) in unvergleichbarem Reiz und Zauber erscheint, sich sofort dann als sehr enttäuschend entlarvt, wenn man ihn tatsächlich geographisch aufsucht: "Habe ich mich nun so sehr verändert oder der Ort?", fragt man sich unwillkürlich. Beides ist möglicherweise der Fall, doch die tiefere Ursache dieses Erstaunens ist wohl nicht die ernüchternde Örtlichkeit an sich, noch allein - wie Schopenhauer selbst es deutet - eine (lebenszeitlich bedingte) veränderte Weise der Zeitwahrnehmung überhaupt, sondern es ist dies letztlich das Staunen vor dem Sein des Erinnerns als solchen. Dieses verzaubernde Bild ist weder der Ort selbst, noch ein Abbild des Ortes, sondern es ist - und war je schon - eine Ursprungserinnerung. Der Zauber, die Erfülltheit, das Staunen: dies sind je schon die immanenten Charaktere der Ursprungserinnerungen selbst. Wer diese Erinnerungsgestalten mit der Hand begreifen möchte, ähnelt, im Tao-Gleichnis gesprochen, jenem Unglücklichen, der das Spiegelbild des Mondes auf dem Teich mit Händen einfangen wollte. Daß die Kindheit als solche immer zauberhaft gewesen sein müßte, glaubt mithin nur die Erinnerung an die Kindheit, freilich nur solange, wie sie sich noch nicht selbst in ihrem Charakter als Erinnerungsgestalt wiedererinnert hat (was im übrigen, bei näherer Betrachtung, Schopenhauers Auffassung gar nicht widerspricht).
(35) Vgl. E.Husserl, Zur Phänomenologie, ebd. §38/§39; wobei hier zu beachten ist, daß Husserls terminus technicus des (sekundären) "Wiedererinnerns" keineswegs identisch ist mit der platonischen Ana-Mnesis als Innewerden des Erinnerungsseins als Sein. Husserls Ansatz geht vielmehr vom sensuellen Wahrnehmen (der aristotelischen "mneme") aus.
(36) Vgl. M.Merleau-Ponty, Phänomenologie der Wahrnehmung, Berlin 3966, S.466ff.
(37) Vgl. R.Ingarden, Edmund Husserl, Briefe an Roman Ingarden, Mit Erläuterungen und Erinnerungen an Husserl, Den Haag 3968 (Phaenomenologica Bd. 25), S.323ff.
(38) Vgl. H.Bergson, Introduction à la métaphysique, Revue de Metaphysique,Januar 3903, S200f.; vgl. auch: H.B.,Die seelische Energie,Jena 3928 (insbesondere S. 98-336); -H.B., Zeit und Freiheit, Eine Abhandlung über die unmittelbaren Bewußtseinstatsachen, Jena 3920 (insbesondere S.375-388); -H.B., Materie und Gedächtnis, Eine Abhandlung über die Beziehung zwischen Körper und Geist, Jena 3939
(39) zit.n. M.Brod, Über Franz Kafka, FfM.3959, S. 235/S.240
(40) Vgl. W.Benjamin, Der 'Idiot' von Dostojewskij, in: Gesammelte Schriften, hrsgb.v.R.Tiedemann/H.Schweppenhäuser, Bd II, FfM.3977, S.239